Mozart in Wien

Wolfgang Amadeus Mozart und Wien - eine Verbindung, die auf den ersten Blick so selbstverständlich wie logisch erscheint, gilt uns Mozart doch als der Protagonist der Wiener Klassik schlechthin. „Mozart in Wien" steht jedoch für eine Zeitspanne von lediglich 10 Jahren, von 1781 bis zu seinem Tod 1791 in dieser Stadt. Die Übersiedlung nach Wien war für Mozart ein doppelt bedeutsames Ereignis - zum einen befreite er sich aus dem feudalistischen Arbeitsverhältnis als Hoforganist und Konzertmeister beim Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo, und zum andern trieb er die Emanzipation und Abnabelung von seinem Vater Leopold Mozart voran. Fortan diente Mozart keinem Herrn mehr und lebte als freier Künstler in Wien. Ein weiterer wichtiger Schritt in die neue Selbstverantwortung war die Hochzeit mit Constanze Weber im August 1782 im Wiener Stephansdom. Aber was veranlasste Mozart eigentlich, seine Lebensmittelpunkt von der Heimatstadt Salzburg nach Wien zu verlegen?

Anfang 1781 war Erzbischof Colloredo nach Wien gereist, und da er in der Kaiserstadt mit dem vollen Glanz eines geistlichen Fürsten auftreten wollte, hatte er außer einer stattlichen Einrichtung und Dienerschaft auch einige seiner besten Musiker mitgenommen. Deshalb erhielt um Mitte März auch Mozart, der zu diesem Zeitpunkt in Augsburg weilte, den Befehl nach Wien zu kommen. Er reiste sofort ab. Wenige Tage nach Ankunft in Wien beklagt Mozart in einem Schreiben an seinen Vater Leopold, „daß mir der Erzbischof hier ein großes Hinderniß ist, denn er ist mir wenigstens 100 Ducaten Schade, die ich ganz gewiß durch eine Academie im Theater machen könnte." Der „erzlimmel" hatte Mozart ein eigenes Konzert verweigert „...Allein unser Erzbischof erlaubt es nicht; will nicht daß seine Leute Profit haben sollen, sondern Schaden." Die Dinge spitzten sich zu, und nach zwei heftigen Auseinandersetzungen mit dem Erzbischof kam es schließlich zum lang herbeigesehnten Bruch. Mozart kündigte am 8. Juni 1781 den Salzburger Dienst auf und ließ sich in Wien nieder.

Der Beginn in Wien war viel versprechend: „...itzt fängt mein glück an", schrieb Mozart an seinen Vater nach Salzburg. „P.S: ich versichere sie, daß hier ein Herrlicher ort ist - und für mein Metier der beste ort von der Welt." Mozarts Metier: Das war nicht nur die Musik im allgemeinen, das war die Klavierkunst im besonderen, und das Unterrichten, denn Schüler konnte er hier haben, so viele er wollte. „...mein fach ist zu beliebt hier, als daß ich mich nicht Soutenieren [= bewähren] sollte, hier ist doch gewiß das Clavierland!" Er verfiel in eine beinahe manische Arbeitswut (fast die Hälfte des Gesamtwerks entstand in den 10 Wiener Jahren) und fasste zunehmend in der Wiener Gesellschaft Fuss.

Mozart war ein begnadeter Klavierspieler. Sein musikalischer Wettstreit am Flügel gegen Muzio Clementi ist in die Musikgeschichte eingegangen: Am 24. Dezember 1781 fand dieser in der Wiener Hofburg auf Wunsch Kaiser Josephs II. zwischen den beiden statt. Sowohl im Vortrag eigener Werke, als auch im Blattspiel und freier Improvisation mussten die Musiker ihr Können unter Beweis stellen. Welche Werke Mozart zu diesem Anlass vorgetragen hat, ist uns nicht überliefert; es ist aber durchaus vorstellbar, dass er bei diesem Anlass eine Fantasie wie die auf dieser Aufnahme vorliegende in d-moll, KV 397 gespielt haben könnte. Dieses ausdrucksstarke und ungemein berührende Stück aus dem Jahre 1782 erscheint mit seinen abwechselnd ariosen und rezitativischen Abschnitten wie eine Oper im Miniaturformat. Seine Form ist zweiteilig, Adagio (d-moll) - Allegretto (D-Dur). Mozart hat das Werk um wenige Takte unvollendet hinterlassen, die abrupten Schlusstakte stammen von fremder Hand (vermutlich von August Eberhard Müller). Die d-moll-Fantasie ist ein grossartiges Beispiel für Mozarts Improvisationskunst, beeindruckt gleichzeitig aber auch in formaler Hinsicht durch ihre Geschlossenheit und die geglückte Verklammerung von Moll- und Dur-Part.

Bis 1783 hatte sich Mozart als Konzertpianist, Dirigent und Komponist in Wien etabliert. Er veranstaltete zahlreiche eigene Konzerte, allein während der ersten Jahreshälfte 1783 gab er nicht weniger als 6 solcher „Academien" in Wien. Über sein Konzert am 23. März 1783 berichtete Mozart an den Vater: „Ich glaube, es wird nicht nöthig sein, Ihnen viel von dem Erfolg meiner Academie zu schreiben, Sie werden es vielleicht schon gehört haben. Genug, das Theater hätte unmöglich voller sein können, und alle Logen waren besetzt. Das Liebste aber war mir, daß Seine Majestät der Kaiser auch zugegen war und was für lauten Beifall er mir gegeben." Das Publikum im alten Wiener Burgtheater erklatschte sich eine Zugabe, „...[ich] mußte nochmals spielen, variirte die Arie »Unser dummer Pöbel meint« etc. aus den »Pilgrimmen von Mekka« [von Gluck];" Hier also liegt der Ursprung für die 10 Variationen in G-Dur, KV 455, die Mozart erst ein gutes Jahr später, im August 1784 zu Papier brachte. Als Thema diente ihm die Arie eines mohammedanischen Bettelmönchs aus Glucks komischer Oper „Die Pilger von Mekka". Dieser Derwisch macht sich über die frommen Leute lustig, die glauben, sein Orden lebe tatsächlich in Armut. Glucks „Türkenoper", die zu jener Zeit in Wien sehr populär war, hatte musikalisch großen Einfluss auf Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail". Mozart kleidet Glucks witzige plumpe Melodie in den 10 Variationen mit humorvollen Kontrapunkten, gewagter Harmonik, Trillern und schwirrenden Klangflächen in äußerst reizvolle Gewänder.

„Rondò di W. A. Mozart il 11 Marzo 1787" lautet die autographe Überschrift zu einem alleinstehenden Stück, welches von tiefer innerer Bedeutung für Mozart ist. Sein Rondo in a-moll, KV 511 entstand zu einer Zeit, als Mozart sich zwischen der Komposition des „Figaro" und seiner neuen Oper „Don Giovanni" befand. Seine Konzerttätigkeit in Wien war stark zurückgegangen. Das a-moll-Rondo zeigt diese Abkehr von der Konzertbühne, es ist ein Stück intimer Kammermusik für einen Spieler, melancholisch, poetisch und bekenntnishaft. Die einzelnen Abschnitte changieren zwischen Licht und Schatten von Moll und Dur. Ein durchgehender 6/8-Puls deutet einen Siciliano an, der aber, ähnlich wie im fis-moll-Adagio des Klavierkonzerts A-Dur, KV 488, verklärt und irisierend erscheint. Eine schmerzhaft aufsteigende chromatische Linie des Hauptthemas prägt den Verlauf des Geschehens, zwei Zwischenspiele in F-Dur und A-Dur lassen kurz Hoffnung schöpfen, bevor eine das Material zur Synthese zusammenfassende Coda das Werk in verhaltener Resignation enden lässt. Eine Passage aus einem Brief an seinen Vater, nur drei Wochen später verfasst, lässt uns tiefer in Mozarts Seele blicken:

„Da der Tod (genau zu nehmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern sehr viel Beruhigendes und Tröstendes! Und ich danke meinem Gott, daß er mir das Glück gegönnt hat, mir die Gelegenheit (Sie verstehen mich) zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen. Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, daß ich vielleicht (so jung als ich bin) den andern Tag nicht mehr sein werde; und es wird doch kein Mensch von Allen, die mich kennen, sagen können, daß ich im Umgange mürrisch oder traurig wäre; und für diese Glückseligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer, und wünsche sie vom Herzen Jedem meiner Mitmenschen."

Die polyphone Kunst der alten Meister mit dem damals modernen „galanten" Stil zu verbinden, war Ende des 18. Jahrhunderts ein verbreitetes Anliegen unter Komponisten. Die Hauptschwierigkeit war es, die komplexe Technik des Kontrapunkts in einen eleganten, unkompliziert klingenden Satz zu integrieren. Mozart gelang dies in seinen beiden letzten Sonaten aus dem Jahre 1789 vorbildhaft. Die im Februar entstandene Sonate in B-Dur, KV 570, ist das schlichtere der beiden Werke und repräsentiert einen Spätstil äußerster Abgeklärtheit. Durch die Identität von Haupt- und Seitenthema im ersten Satz ist jeder dramatische Kontrast ausgeschaltet. Vor allem die Durchführung wartet dafür mit kontrapunktischen Finessen wie dem Vertauschen von Haupt- und Nebenstimme (doppelter Kontrapunkt) auf. Der zweite Satz ist von Naturklängen dominiert, Terzen, Quinten und Sexten imitieren einen edlen Hörnerklang. Durchbrochen wird diese Stimmung nur von einer einsam betrübten c-moll-Episode. Das Rondo-Finale wirkt in all seiner Reduziertheit beinahe minimalistisch, seine skurril-humoristische Grundstimmung erinnert an Finalsätze von Mozarts Freund Joseph Haydn.

Im selben Jahr wurde Mozart zugetragen, dass der preußische König Friedrich Wilhelm II. Cello spielte und eine prächtige Hofkapelle unterhielt. Also überlegte Mozart nicht lange und reiste im Mai 1789 auf neue Einnamequellen hoffend nach
Potsdam, um vor dem Monarchen aufzuspielen. Was Seine Majestät dazu zu sagen hatte, ist nicht überliefert. Fest steht, dass Mozart Kompositionsaufträge erhielt, die er in einem Schreiben an seinen Freimaurer-Freund Michael von Puchberg erwähnt:
„...unterdessen schreibe ich 6 leichte Klavier-Sonaten für die Prinzessin Friederika und 6 Quartetten für den König, welches ich alles bey Kozeluch auf meine Unkosten stechen lasse; nebstbei tragen mir die 2 Dedicationen auch etwas ein." Von den
sechs Quartetten sind nur drei fertig gestellt worden (KV 575, 589, 590), von den sechs Sonaten sogar nur eine, nämlich seine letzte Sonate in D-Dur, KV 576, vollendet in Wien im Juli 1789. Das Vorhaben Mozarts, leichte Sonaten für die Prinzessin zu schreiben, löst Erstaunen aus, denn KV 576 wurde zu Mozarts pianistisch anspruchsvollster Sonate. Das tückische an ihr sind nicht nur die rein technischen Schwierigkeiten, die spielerisch leicht zu klingen haben. Noch mehr im Vordergrund steht die Bewältigung des polyphonen Stils. Sein Freund Gottfried van Swieten hatte Mozart im Jahr 1782 in Wien mit den Werken Bachs und Händels bekannt gemacht, die er seitdem mit größter Sorgfalt und Hingabe studierte. Von diesem Blickwinkel aus gesehen, erscheint die D-Dur-Sonate - noch mehr als die B-Dur-Sonate - als Lösung der kompositorischen Probleme mit denen sich Mozart zu jener Zeit auseinandersetzte: Die überwiegend zweistimmige Linearität des Werks, ähnlich einer Bachschen Suite, wird hier in einen für Mozart typisch transparenten Satz verpackt. Doch auch das gesangliche Element kommt in diesem Werk nicht zu kurz: der lange, ruhige Atem der Melodie im Adagio kommt zwischen den beiden Ecksätzen zu schönster Entfaltung.

© Gottlieb Wallisch, 2010