Ensemble Meridiana - Tastes of Europe - Klassik.com
25 June 2011
Klassik.comChristiane Bayer

Momentan erleben Telemanns Blockflötenwerke eine bisher unbekannte
Renaissance: Allein in den Frühjahrsmonaten dieses Jahres erschienen
gleich drei spannende CD-Veröffentlichungen, die sich Telemanns Werken
für Blockflöte widmen. Eine dieser Neuerscheinungen ist die SACD "tastes
of europe" des jungen Barockensembles Meridiana, das sich aus
Absolventen der renommierten Schola Cantorum Basiliensis zusammensetzt.
Seit seiner Gründung 2006 hat das Ensemble international für Aufsehen
gesorgt. So konnten sich die fünf Musiker 2007 über den ersten Preis
beim Telemannwettbewerb in Magdeburg und 2011 über den Preis der
Göttinger "Reihe Historischer Musik" der dortigen Händelgesellschaft
freuen. Es gastierte schon bei vielen Festivals für Barockmusik und hat
seit seinem Gewinn des "York Early Music International Young Artists
Competition" auch einen Plattenvertrag mit Linn Records.
Ihr Debütalbum für das Label präsentiert eine Reihe von Trios und
Quartetten Telemanns, in denen die Blockflöte sehr präsent ist. So
erklingen das Concerto in G-Dur TWV 43:G6, das Trio in e-Moll TWV
42:e11, das Trio in F-Dur TWV 42:F3, das Concerto in a-Moll TWV 43:a3
und das früher Telemann zugeschriebene Trio in d-Moll TWV 42: d10, das
nachweislich vom Altonaer Organisten Pierre Prowo stammt. Dazu erklingen
zwei Werke für Oboe, Violine und Basso continuo (Trio in g-Moll TWV
42:g5) und für Violine, Viola da Gamba und Basso continuo (Trio in
b-Moll TWV 42: h6).
Die herausragende Musikerin der Einspielung ist die Blockflötistin
Dominique Tinguely, die mit ihrem gefühlvollen Spiel der leuchtende
Stern der Aufnahmen ist. Aber auch Sabine Stoffer (Violine) und Sarah
Humphrys (Oboe) sind echte musikalische Entdeckungen. Christian Kjos
(Cembalo) und Tore Eketorp (Viola da Gamba) bilden dazu ein hervorragend
aufeinander eingestelltes Basso continuo, dessen musikalischer Ausdruck
höchst kultiviert ist. Welchen hohen musikalischen Wert die
Einspielungen der fünf jungen Musiker haben, zeigt auch der direkte
Vergleich mit zwei "alten Hasen" der Barockmusikszene, dem Ensemble
Musica Alta Ripa (MDG 309 1450-2) sowie der Blockflöten-‚Königin‘
Dorothee Oberlinger (dhm 88697397692). Beide Male schlägt sich das
Ensemble Meridiana ausgezeichnet, zumal es gegenüber den Musikern von
Musica Alta Ripa mit einem viel differenzierteren, sehr viel besser
durchhörbaren Gesamtklang aufwarten kann. Als Beispiel sei das Trio
42:d10 genannt, welches das Ensemble Meridiana flüssiger und schneller
gestaltet als die Hannoverschen Musiker. Tinguelys Verzierungskunst im
'Allegro 1' lässt Danya Segals Blockflötenton im wahrsten Sinn des Worts
ziemlich alt aussehen. Violine und Blockflöte agieren sehr viel
harmonischer als in der älteren Einspielung von Alta Ripa. Im 'Adagio'
führt Sabine Stoffer die Violinstimme wunderbar weich in den abfallenden
Akkorden, wodurch die gesangliche Qualität des Satzes erhöht wird. Das
zweite 'Allegro' besticht durch sehr schnelle Tempi, die mit einem
durchsichtigen Ensembleklang kombiniert sind. Die fünf Musiker von
Meridiana kultivieren dazu eine sehr geschmeidige Linienführung, die das
Stück singen lässt. Im finalen 'Presto' arbeitet Christian Kjos den
Cembalopart deutlicher heraus, als es Bernward Lohr in der Alta Ripa
Einspielung tut. Er lässt sein Instrument wirbelnd sprudeln, wodurch die
Musik tänzerisch leicht wird. Der Gesamteindruck ist herrlich leuchtend
und klar.
Beim Trio in F-Dur TWV 42:F3 bietet sich ein Vergleich zwischen der
Neueinspielung des Ensembles Meridiana mit der Einspielung von Dorothee
Oberlinger aus dem Jahr 2008 an, bei dem sie vom Ensemble 1700 begleitet
wird. Die fünf Musiker von Meridiana halten den ersten Satz des Trios
('Vivace') langsamer als Oberlinger, wodurch ihr Spiel im direkten
Vergleich fast schon etwas behäbig klingt. Dafür ist hier die
Gambenstimme von Tore Eketorp exzellent ausmusiziert. Im Gegensatz zu
Oberlinger betonen Tinguely und ihre Mitstreiter die lyrische Seite des
Satzes, weshalb sie auch mögliche Akzente nicht so markant
herausarbeiten wie Oberlinger. Diese hat ferner zur Anreicherung des
musikalischen Eindrucks ein Fagott in der Bassstimme besetzt, worauf die
Musiker von Meridiana verzichten. Im 'Mesto', dem zweiten Satz, ist die
Blockflötenstimme von Tinguely sehr kantabel ausgespielt. Sie versucht,
den Ton noch gerader zu führen als Oberlinger. Insgesamt wählen sie
aber ein sehr ähnliches Tempo.
Allein diese beiden direkten Vergleiche zeigen, dass dem Ensemble
Meridiana mit dieser SACD ebenso überzeugende wie eigenständige
Interpretationen gelungen sind, die auf höchstem Niveau mithalten
können. Ihr einnehmendes Spiel, der helle, durchsichtige Ensembleklang
und die natürliche Schönheit ihrer Phrasierungen machen ihr Debütalbum
zu einem sehr hörenswerten Klangerlebnis. Bleibt zu hoffen, dass bald
mehr von diesen vielversprechenden Musikern zu hören sein wird.
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