James MacMillan - Tenebrae - Klassik.com
07 December 2007
Klassik.comMiquel Cabruja

Schwerelos schwebende Sopranstimmen, posaunenhaft strahlende Tenöre und orgel-mächtige Bässe. Mikrotonale Klangschritte, ausschweifende Klanggesten, polyphone Vielstimmigkeit. James MacMillans Vokalmusik bewegt sich irgendwo zwischen Arvo Pärt und der Polyphonie der Renaissance. Die Musik des Schotten ist ein Wechselbad aus frei ins Leere fallenden Klangschauern, zielgerichteten Phrasen und endlos wabernder Zeitlosigkeit. Drei Ersteinspielungen seiner Chormusik sammelt das schottische Vokal-Ensemble ‚Cappella Nova' unter der Leitung von Alan Tavener auf vorliegender CD. Die Gruppe genießt einen hervorragenden Ruf unter Ensembles für Alte Musik und ist auf die Musik des Mittelalters und der Renaissance spezialisiert. Mit über 60 Uraufführungen von Auftragswerken haben sich die schottischen Musiker aber längst auch als Experten für zeitgenössische Musik etabliert.
Jugendwerk
Seine ‘Missa Brevis' komponierte MacMillan im zarten Alter von 17 Jahren. Damals war er noch Schüler und fasziniert von der frühen Polyphonie eines Palestrina, Lassus oder Byrd. Dass aber auch die Musik Bachs und Telemanns, und modernere Klänge von Britten und Leightons ihn zu dieser Zeit beeinflussten, ist deutlich zu hören. In der ‘modernen Kontrapunktik' der Komposition fühlen sich die Sänger sichtlich wohl und geben der Jugendkomposition (in der durch den Komponisten leicht revidierten Fassung) Glanz. Hat die ‘Missa Brevis' einen Schwierigkeitsgrad, den auch ein guter Kirchenchor meister könnte, sieht das bei späteren Kompositionen MacMillans schon anders aus.
Zum Empfang der Kommunion
Die ‘Strathclyde Motets' entstanden aus dem engen Dialog zwischen Alan Tavener, Brendan Slevin und dem Römisch Katholischen Kaplansamt der Strathclyde Universität. Der Stil MacMillans hat sich deutlich gewandelt. Das Gewicht liegt mehr auf den Farben der Musik und die Komposition nimmt spürbar Rücksicht auf ihre liturgische Funktion. Ein mystisches Zeitverständnis, ein meditativer Grundton prägt die Klänge, die zur Kontemplation einladen und somit weniger zielgerichtet, unveränderlicher scheinen. Nachvollziehbar, da die Komposition für den Augenblick bestimmt ist, in dem die Gläubigen sich nach dem Empfang der Kommunion sammeln. Unbestechlich und mit innerer Ruhe spielen die Sänger mit den extravaganten Wendungen und tonalen Schichten der Musik und gehen dem transzendenten Kern der Musik auf den Grund.
Karfreitagsgeschehen in expressive Klanggesten gefasst
Die ‘Tenebrae Responsorien' erinnern an Renaissance-Madrigale und erfordern dementsprechend viel von den Einzelstimmen. Keltische und nahöstliche Stilelemente, die in der Musik MacMillans augenblicklich eine größere Rolle einnehmen, gehörten zum Ausdrucksrepertoire dieser Komposition, die das Karfreitagsgeschehen in expressive Klanggesten fast, in denen auch Dissonanzen und Reibungen eine größere Rolle spielen. In dem Auftragswerk von Cappella Nova haben die Sänger Gelegenheit, auch ihre solistischen Stärken herauszustellen. Makelloser Ensembleklang, zielgenaue Attacke und organisch atmendes Zusammen-Musizieren machen auch diese Interpretation lebendig.
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