The Avison Ensemble - Vivaldi: Concerti Opus 8 - Klassik

Interpretation: 5 stars 
Klangqualität: 4 stars
Repertoirewert: 4 stars

Im Kontext 
Antonio Vivaldis 'Jahreszeiten' im Zusammenhang gesehen: Zwölf Konzerte op. 8 in einer enorm qualitätvollen, detailliert gearbeiteten Realisierung des englischen Avison Ensembles mit Pavlo Beznosiuk als Solist.

Zugegeben: Es gibt unzählige Einspielungen der zu Recht berühmten 'Vier Jahreszeiten' aus der Feder Antonio Vivaldis. Wozu also eine weitere? Welcher Art kann der interpretatorische Ertrag überhaupt noch sein, wenn sich Heerscharen von Geigern und Orchestern dieser unverwüstlichen Konzerte wieder und wieder angenommen haben - oft in der Tat mit erfreulichen Ergebnissen, allzu oft aber auch ohne eigenständige Inspiration und künstlerische Souveränität?

Angesichts dieser diskographischen Lage ist es durchaus mutig zu nennen, sich als respektables Ensemble in der Gegenwart mit dieser Musik zu befassen. Doch kann auch die Gegenfrage zu den einleitenden Bedenken aufgemacht werden: Warum soll man jene Werke aus dem eigenen künstlerischen Wirken aussparen, die zwar oft interpretiert wurden, aber doch tatsächlich von reicher Inspiration sind? Pavlo Beznosiuk, Leiter und Konzertmeister des englischen Avison Ensembles wird sich mit diesen Fragen in Vorbereitung zur Produktion der vorliegenden Platte befasst haben und hat eine tragfähige Entscheidung getroffen: Die vier berühmten Violinkonzerte werden im Kontext der ganzen Sammlung ‚Il cimento dell'armonia e dell'inventione' (Das Wagnis von Harmonie und Erfindung), von Vivaldi unter der Opusnummer 8 als Zusammenhang von zwölf Violinkonzerten veröffentlicht, dargeboten. Das schafft einen spannenden Rahmen, setzt die bekannten Evergreens in interessante Beziehungen, erdet sie in gewisser Weise, führt sie zurück auf ihre Ursprünge.

Sehr überzeugende Grundentscheidungen
Natürlich waren die 'Jahreszeiten' in ihrem Entstehungsumfeld sehr früh sehr populär, und die von Vivaldi beigegebenen programmatischen Sonette haben zweifellos ihren Teil zur Entfaltung der imaginativen Kraft dieser Musik beigetragen. Pavlo Beznosiuk versucht aber einen eigenständigen Blick auf diesen bekannten Notentext und trifft etliche sehr tragfähige Entscheidungen. Zunächst ist die Frage der Tempogestaltung entscheidend: Beznosiuk hält sich und sein Ensemble abseits der zu Unrecht beliebten Raserei, agiert auch im raschen Bereich nie überdreht - es ist zu hoffen, dass die Zeit der Extreme in dieser Hinsicht endgültig vorbei ist. Denn was der versierte Violinist aus intensiv und geduldig musizierten Sätzen an Nuancen gewinnt, ist wahrlich bemerkenswert: Gerade die langsamen Sätze sind keine irgendwie zu überbrückenden Passagen zwischen den virtuos-rasanten Ecksätzen - sie werden zu ruhevollen Abschnitten voller eigenständiger Expressivität ausgeformt, die Fülle der gerade hier detailliert ausgearbeiteten, scheinbar randständigen Begleitfiguren nimmt unmittelbar für diesen Zugriff ein. Der wird auch im dynamischen Bereich fortgesetzt, in dem ebenfalls feinste Nuancen im Vordergrund stehen, was ein differenziertes Bild entstehen lässt und einer allzu plakativen Schwarz-Weiß-Ästhetik gerade in der Abfolge von Ritornellen und solistischen Episoden vorbeugt.

Diese konsequent deutende Linie wird auch bei den anderen acht Konzerten der Sammlung weiterverfolgt. Damit werden diese Kompositionen absolut ebenbürtig neben ihre zwar deutlich bekannteren, aber doch nicht im Grundsatz besseren oder substanzreicheren Schwesterwerke gestellt. Und auch die 'Jahreszeiten' profitieren von ihrer Kontextualisierung: Der geweitete Blick auf die Gesamtheit des Opus' hilft, eine verzerrte und engstirnig-selektive Rezeption zu relativieren. Daraus ergibt sich dann auch unmittelbar eine weitere ‚Rechtfertigung' für die Interpreten, sich auf dieses Terrain zu wagen - leuchten sie doch das künstlerisch üppige Umfeld der Jahreszeiten ertragreich aus.

Echter Ensemblegeist
Das Avison Ensemble hat sich in der Vergangenheit mit interessanten Produktionen hervorgetan, zuletzt mit einer delikaten Einspielung der Concerti grossi op. 6 von Georg Friedrich Händel. Auch bei Vivaldi zeigt sich die einschließlich ihres Primarius' Pavlo Beznosiuk 15 Köpfe zählende Formation agil, feinsinnig und mit enormen Qualitäten bei der Gestaltung dezenter Klangtableaus. Die Violinregister sind wunderbar gesammelt, vor allem von ihnen wird die detailreiche und konturscharfe Artikulation bestimmt. In den langsamen Sätzen lassen sich dazu immer wieder seelenvolle Lyrismen hören. Der Basso continuo agiert farbig und variantenreich, die Perkussivität der Laute ist hier ein belebendes Element, während der Kontrabass gelegentlich etwas zu weich abgebildet scheint. In der Summe zeigt sich das Avison Ensemble als tolles kollektives Instrument, aus dessen Mitte sich Pavlo Beznosiuk als Erster unter Gleichen löst: Seine solistische Haltung erwächst zwingend aus dem Ensemble. Folgerichtig ist der Geigenton des uneitlen Künstlers klar und leicht, überzeugen seine intonatorisch und technisch makellosen Fähigkeiten, auch seine bezwingende Gestaltung linearer Verläufe in ihrem konzentrierten Ansatz. Vordergründig prangende Gesten meidet Beznosiuk, ohne dass dieses Mittel der Interpretation fehlte. Das Klangbild schließlich, in dem die zwei Stunden exzellenter Konzertkunst realisiert sind, ist warm, substanzreich, ausgewogen, plastisch und doch nicht hart. Die Register sind angemessen balanciert, der Raumanteil ist bei aller Sammlung hörbar, Beznosiuks solistische Ebene wirkt glücklich ins Gesehen integriert. Im Booklet gibt es solide Informationen nur auf Englisch, Vivaldis Sonette zu den Jahreszeiten sind ebenfalls in englischer Sprache abgedruckt.

Beznosiuk und sein harmonisches Avison Ensemble deuten Vivaldis Konzerte nobel, mit einer erstaunlichen Gelassenheit, dabei mit gesammelten Registern und plastisch musizierten Details durchaus brillierend. Vivaldi wird erstaunlich klar als Meister des Largos charakterisiert, was im Kontrast dazu die alles andere als verhetzt genommenen raschen Sätze überzeugend Gestalt gewinnen lässt. Auch die allfälligen Ritornelle werden nicht einfach abgespielt, sondern variantenreicher Binnendeutung unterworfen. Und diese überzeugenden Gestaltungsideen werden keineswegs in den prominenten 'Vier Jahreszeiten' verschlissen; auch die weiteren Konzerte des Opus' profitieren von diesem detailreichen Ansatz. In den Ensemblezusammenhang fügt sich das souveräne, präsente und doch vollkommen unaufdringliche Spiel Pavlo Beznosiuks ein, der sich damit weit abseits romantisch verklärten Virtuosentums auch als Solist im Ensemble wirkend sieht. Vor allem aber der diskographisch interessante Kontext der komplett eingespielten Sammlung op. 8 sollte interessierten Hörern die Entscheidung leichter machen, sich ganz ohne schlechtes Gewissen für eine weitere Einspielung der populärsten Werke Antonio Vivaldis zu erwärmen - sie würden dafür bemerkenswert belohnt.    

Klassik
29 November 2011