Bach Mass in B Minor - Dunedin Consort - Concerto Das Magazin fur Alte Musik

Als der Amerikaner Joshua Rifkin 1981 mit seiner These zur solistischen Chorbesetzung bei Bach an die Öffentlichkeit trat, lieβ er den theoretischen Erörterungen schnell praktische Argumente folgen, u.a. in Gestalt einer Einspielung der h-Moll-Messe.  Diesseits des Atlantiks blieb das zunächst ohne gröβere Resonanz; das änderte sich grundlegend erst mit der h-Moll-Messen-Produktion, die Andrew Parrott 1985 in der >Reflexe<-Reihe der EMI vorlegte.  Parrott, der früheste Parteigänger Rifkins unter den europäischen Interpreten, zog neben den unabdingbar notwendigen fünf Sängern (bzw. sechs bis acht vom Sanctus an) jeweils noch einmal fünf Ripienostimmen esines Taverner Consort für die groβbesetzen Chöre heran (vgl. dazu auch seinen Beitrag in dieser CONCERTO-Ausgabe).  Konrad Junghänels Aufnahme mit Cantus Cölln von 2003 wartete ebenfalls mit zehn Vokalstimmen auf, und genauso musiziert jetzt John Butt mit seinem Dunedin Consort & Players.  Es ist dies, wenn wir richtig zählen, die fünfte nicht-chorische h-Moll-Messen- Einspielung, denn im vergangenen Jahr veröffentlichte Sigiswald Kuijken noch seine neue Interpretation mit La Petite Bande, die sich auf acht Sänger beschränkt (vgl. CONCERTO Nr. 226).

Was das Besetzungskonzept anbelangt, haftet Butts Produktion also nichts Sensationelles mehr an. Dass er das Werk nach der neuen Notenedition Rifkins von 2006 musiziert, hat keine gravierenden Konsequenzen für den Hörer, sieht man von der Verwendung zweier Flöten statt einer einzelnen im >>Domine Deus<< und der Beschränkung des Fagott-Einsatzes auf die >>Quoniam<<-Arie des Gloria ab (dort ist es ein Fagott-Duo, das sich zu dem ebenfalls nirgendwo sonst in der Messe geforderten Horn gesellt).

Nun muss nicht jede CD gleich eine Sensation darstellen, um als empfehlenswert zu gelten.  Und emfehlen kann man diese Aufnahme uneingeschränkt: Die Arien sind ebenso ansprechend geraten wie die teils mit, teils ohne die Ripienostimmen gesungenen Chöre; das Instrumentalspiel ist vom Feinsten.  Auch die vokal-instrumetale Abmischung stimmt, so dass sich immer wieder schöne Chiaroscuro-Effekte einstellen, wenn in den Ensemblesätzen die Vokal- und Instrumentalpartien streckenweise ineinandergreifen und dann wieder unterschiedliche Wege gehen.  Diese von Bach zuhauf einkomponierten Effekt einzufangen, scheint auch dem besten Tonmeister bei einer konventionellen Chorbesetzung nicht so recht zu gelingen, während man ihnen hier geradezu auf Schritt und Tritt begegnet.  Schlieβlich überzeugt Butts Interpretationsweise aber auch in ihrer inhaltlichen Aussage, dem verinnerlichten Affekt, der aus diesen Gesängen spricht, vom pathetischen ersten Kyrie-Ruf bis zum Agnus-Dei-Lamento, dem sich das hymnische >>Dona nobis pacem<< anschlieβt. Hier ist alles deutlich gesagt, aber nichts überzeichnet.

Dass die Interpreten eune italienische Lateinaussprache wählen, passt bicht so recht ins Leipziger Umfeld des Thomas-kantors in den späten 1740er Jahren, in denen er die h-Moll-Messe als Werkzyklus schuf.  Angebrachter mag man das romanische Idiom aber angesichts der italienischen Gesangsvirtuosen am Dresdner Hof finden, dem Bach 1733 Kyrie und Gloria der Messe gewidmet hat, oder auch im Hinblick auf die mögliche Intention des Gesamtwerks zur Aufführung im Wiener Stephansdom am Cäcilientag 1749, wie sie jüngst Michael Maul ins Spiel gebracht hat.

08 September 2010