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Choir of New College Oxford & Robert Quinney - Sheppard: Media vita - Musikansich

Für sein Debütalbum bei Linn Records hat sich der traditionsreiche Choir of New College Oxford für eine eher randständiges Repertoire entschieden: Die Geistliche Musik von John Sheppard (1515-1558) steht seit jeher im Schatten berühmterer Zeitgenossen wie John Taverner oder Thomas Tallis. Das mag seine Ursache auch darin haben, dass Sheppards Schaffenszeit überwiegend in die Jahre des stürmischen Umbruchs zwischen römisch-katholischem und anglikanischem Zeitalter in England fiel. Seine lateinischen, ganz überwiegend an die römisch-katholische Liturgie gebundenen Kompositionen gerieten daher rasch außer Mode und Gebrauch.

Indes handelt es sich, wie hier zu erleben, durchweg um Werke von höchster Kunstfertigkeit, die neben ihrem enorm hohen Schwierigkeitsgrad nicht selten auch durch kühne harmonische Fortschreibungen bestechen. Dabei kann die CD gleich vier Weltersteinspielungen vorweisen, darunter so prächtig leuchtende Stücke wie das "Inclina Domine" oder das kraftvolle "Confitebor tibi". Chorleiter Robert Quinney führt mit dem Album zugleich sehr schön die musikalische Doppelgesichtigkeit Sheppards vor, der eben nicht nur ein Meister der traditionellen polyphonen Hymne bzw. Antiphon mit cantus firmus war, sondern sich auch auf die moderne Doppel- und Mehrchörigkeit verstand, wie sie zu jener Zeit vor allem in Kontinentaleuropa dominierte und die er in Motettenvertonungen von Texten aus dem Alten Testament einsetzte.

Die CD schließt mit Sheppards bekanntestem Werk, der weit ausschwingenden Antiphon "Media vita", nach Text und Anlass wohl dem Kontext der großen Grippeepidemie in London zwischen 1557-59 zuzuordnen. Vielleicht berührt sie deshalb in ihrer nachdenklich-innigen Betrachtung der Vergänglichkeit des Lebens aktuell noch einmal besonders.

Der Choir of New College Oxford überzeugt durch eine Mischung aus natürlicher Tongebung und einem mal innigen, mal kraftvollen Ausdruck, präsentiert das Ganze so nicht vorrangig als Kunst-, sondern als Andachtsmusik im besten Sinne. Dabei sind die hohen Stimmgruppen - bei typisch englischem, leicht kehligen Knabentimbre - zum Teil vergleichsweise schlank besetzt, was einen dunkler grundierten Gesamtklang zur Folge hat. Die Aufnahme hat allerdings einiges an kirchenraumtypischem Hall und Nachklang, was die Durchhörbarkeit der Stimmen in Sheppards extrem dicht gewobenen Kompositionen nicht unbedingt erleichtert und zu einem zwar vollen, aber eben auch etwas flächigem Sound führt; wer die Musik per Kopfhörer genießt, ist hier klar im Vorteil.

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Musikansich
24 October 2020