Claire Martin - He never mentioned love - Die Weltwoche (German)

Slow Time mit Claire

Claire Martin ist eine dergrossen Jazzsängerinnen der Zeit. Nur weiss das ausserhalb Englands fast keiner.

Eurotunnel hin, Billigflüge her: Great Britain ist ein fernes Land. Zwar ist ein Zeitungstitel von einst (ich weiss nicht mehr in welchem Blatt) heute schwer mehr vorstellbar, aber als Metapher für englische Vorbehalte gegenüber Europa taugt er nach wie vor: "Thick fog over Channel. Continent Isolated". In weiten Bereichen des Jazz hat sich der Nebel gelichtet, gehören britische Musiker längst zum Kern der europäischen Szene, namentlichin deren avancierteren Zonen. In anderen lastet er schwer und undurchdringlich. Bevor George Gruntz ihn ins Ensemble seiner Zauberflöten -Travestie The Magic of a Flute holte, wusste, ein paar hochspezialisierte Trüffelsäue ausgenommen, kein Schwein, dass Ian Shaw einer der grossen Jazzsänger der Welt ist.

Mit Shaws Kollegin Claire Martin, von der es auf dem Label Linn Records weit über ein Dutzend CDs gibt, verhält es sich nicht anders. Sie gewinnt einen British Jazz Award, eine BBC-Auszeichnung als "Best Vocalist of the Year" nach der andern (wenn ihr nicht gerade besagter Shaw vor dem Licht steht), wird von Altmeistern wie Tony Bennett bewundert, aber in New York eher wahrgenommen als in Zürich. Zeit, dass sich das ändert.

Die Flut von Neuerscheinungen aus der Spezialnische Vocal Jazz ist zurzeit beträchtlich und ein zusätzliches Hindernis. Umso nachdrücklicher muss hier, bei allem Widerwillen gegen Ausrufungszeichen, für das jüngste Opus der 'First Lady', der "Madonna of British Jazz" (eine besonders schwachsinnige Formel der Fan-Presse) eine Fanfare schmettern ­ ganz im Widerspruch zu dessen Inhalt. Denn es enthält eine Musik der leisen Töne, der langsamen Tempi, der unverschämtesten und schamvollsten Intimität. Musik in Grossaufnahme, sozusagen. "Meine Freunde", scherzt Martin, "sagen von mir, halb sänge ich wie eine Nutte, halb wie eine Nonne." Die fleischliche multipliziert sich mit der ätherischen 'Innigkeit'. Wie sagt Robert Walser sinngemäss: Dem Verstand ist's hurenhaft, dem Gefühl gigantisch.

Damit wissen Kenner solcher Delikatessen (die nur deshalb keine Stafverfolgung riskieren, weil diese Art von Vokal-Erotik nicht quantifizierbar ist) schon, wem He Never Mentioned Love (so heisst die Scheibe) gewidmet ist: der unvergleichlichen Weltrekordhalterin in musikalischer Langsamkeit, der 2005 gestorbenen Shirley Horn (the most beautiful musical motion next to immobility). Das bringt Frau Martin sogar auf einen Kalauer, ihre Lesart von 'langsam, aber sicher'; Slowly but Shirley nennt sie eine Verbeugung vor der grossen Horn, die zu Lebzeiten Miles Davis so beeindruckt hatte, dass er für ihre CD You Won't Forget Me wenige Wochen vor seinem Tod noch ein jenseitiges Trompetensolo beisteuerte.

Claire Martin ist nicht einfach die auferstandene Shirley Horn. Die zu imitieren wäre zwar allein schon ein grosses Kunststück. Die Martin praktiziert ihre eigene Kunst der Verführung, wenn auch haarscharf den Gravitationslinien ihres grossen Vorbilds entlang. Das weckt gelegentlichen Schauder der Faszination; aber sie ist intelligent genug, im richtigen Augenblick eine Spur Ironie einzustreuen. Und sie hat die richtigen Partner in ihrer britischen Truppe: den Pianisten Gareth Williams (der Horns Pianostil so verinnerlicht hat wie Martin deren Gesang), Laurence Cottle am Bass, Clark Tracey am Schlagzeug, dazu eine Handvoll Special Guests, deren eindrücklichster der Flügelhornist Gerard Presencer. Ganz locker daherimprovisiert, erfindet er vollendete lyrische Girlanden und Gegenlinien zu Martins Gesang.

Seit ihrem 17. Lebensjahr, seit 1987, arbeitet Claire Martin professionell, ihren Vorlieben und dem intimen Charakter ihrer Musik gemäss hauptsächlich in Clubs, Hotel-Lounges, Bars. Berührungsängste kannte sie nie, auch nicht zu Rock und Pop, aber ihre Leidenschaft galt immer Standards und Balladen mit ein paar daruntergemischten Gewürznoten von Joni Mitchell, Tom Waits, Dave Frishberg, Elvis Costello. Hier ist's ein Original ihres Seelenbruders Ian Shaw (mit dem sie gelegentlich auch im Duo auftritt). Sein Titel hätte der der ganzen CD sein können und trifft den Kern jeder Shirley-Horn-Hommage: Slow Time.

Die Weltwoche
20 August 2007