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Hervé Niquet - Vivaldi: Gloria & Magnificat - RBB Kultur Radio

Einen beträchtlichen Teil seines kirchenmusikalischen Werkes schrieb Antonio Vivaldi für das Ospedale della Pietà in Venedig. Es handelte sich dabei um eine Einrichtung, die sich seit ihrer Gründung im ausgehenden Mittelalter der Pflege und Ausbildung von Mädchen und jungen Frauen annahm. Zu Vivaldis Zeiten lebten im Ospedale della Pietà mehrere 100 Bewohnerinnen aller Altersklassen, denn es war den Frauen möglich, auch nach der Beendigung ihrer Schulausbildung am Ospedale zu verbleiben. Die soziale Mischung war groß: So wurden Kinder aus bettelarmen Familien ebenso angenommen wie Mädchen adliger Herkunft, die sich eine besonders gute Ausbildung versprachen.

Ohne Männerstimmen
Die musikalischsten unter ihnen bildeten den Chor und das Orchester des Ospedale della Pietà. Natürlich mussten dabei alle Stimmen intern besetzt werden, denn die Richtlinien des Hauses sahen eine strenge Abschirmung der ihr anvertrauten Menschen vor. Eine männliche Verstärkung der Musikensembles war also ausgeschlossen, so spielten die Mädchen und Frauen sämtliche Instrumente von der Flöte bis zum Kontrabass und sangen auch im Chor alle Stimmlagen. Also auch Antonio Vivaldis Kirchenmusik, die für das Ospedale entstanden ist, erklang ursprünglich ohne Männerstimmen.

Das Ensemble Le Concert Spirituel unter Leitung von Hervé Niquet unternimmt auf seiner neuesten CD das Wagnis einer musikalischen Rekonstruktion dieses „Urzustandes“ der Kirchenmusik Vivaldis, indem auch hier keine einzige vokale Männerstimme mitwirkt. Das Wagnis ist umso größer, da für die Einspielung zwei der bekanntesten Vivaldi-Werke ausgewählt wurden: das Gloria (RV 589) und das Magnificat (RV 610a), Kompositionen also, für die einschlägige Hörgewohnheiten vorliegen.

Kostbar
Das Ergebnis dieser rein weiblichen Vivaldi-Produktion ist ebenso erstaunlich wie beeindruckend. Die vokalen Männerstimmen vermisst man zu keinem Zeitpunkt, sondern entdeckt stattdessen an der Musik Vivaldis ganz neue Qualitäten. Durch geschicktes Arrangement rücken in den fugierten Abschnitten die Chorstimmen sehr eng zusammen und ergeben neue Klänge und eine spannungsvolle harmonische Dichte. Hinzu kommt, dass die Frauenstimmen auch die Soloarien bzw. Duette chorisch darbieten. Die Damen des Concert Spirituel leisten hier ganze Arbeit und ersetzen die sonst gewohnten Solisten vollkommen adäquat. Bestnoten verdient sich auch das begleitende Streichorchester (hier dürfen allerdings Männer mitspielen...), das sehr umsichtig und transparent spielt. Hervé Niquet ist damit eine hervorragende Neueinspielung dieser kostbaren Vivaldi-Musik gelungen.

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RBB Kultur Radio
29 December 2015