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Il Giardino Armonico & Giovanni Antonini - Haydn 2032, Vol. 3: Solo e pensoso - Klassik

Giovanni Antoninis Gesamtaufnahme der Symphonien Joseph Haydns - mit schönen kleinen musikalischen und illustrativen Zugaben je Einzelfolge - nimmt mit der dritten Folge (zum Thema Einsamkeit!) richtig Fahrt auf. Mir erscheint sie tatsächlich als zeitgemäße, höchst expressive Sicht dieser klassischen Wundermusik einsame Spitze...

‚Haydn 2032‘, Giovanni Antoninis Haydn-Projekt, gefördert von der Haydn-Stiftung Basel, soll bis zum 300. Geburtstag des Komponisten alle Symphonien umfassen. Schön auch die Idee, jede Ausgabe (wohl etwa drei bis vier Einzel-CDs pro Jahr) unter ein Motto zu stellen, das einzelne Werke Haydns durch mehr oder weniger authentische Titel vorgeben: ‚La Passione‘ und ‚Il Filosofo‘ bilden den Auftakt, ‚solo e pensoso‘, also ‚allein und nachdenklich‘ geht es frei nach einer Konzertarie Haydns aus dem Jahre 1798 in Folge 3 weiter. Wiederum schön auch die Idee, die im Schnitt wohl zwei bis drei Haydn-Symphonien pro Konzeptalbum mit kleineren Orchesterwerken (auch mal von Zeitgenossen Haydns) zu garnieren.

Das anspruchsvolle Konzept wird nicht nur von Giovanni Antonini und seinen Ensembles – hier Il Giardino Armonico, demnächst zudem das Kammerorchester Basel – betreut, sondern auch musikhistorisch und synästhetisch durch die graphische Gestaltung: Christian Moritz-Bauer hat den so kompakt nur bedingt informativen Booklet-Text ‚Der einsame Haydn‘ verfasst, und die Bilder (Photographien) der wohl recht bekannten ‚Magnum Agency‘ schlagen ansprechend eine Brücke zwischen Haydn und unserer Gegenwart (was zunächst ein wenig an die Cover der Bach-Kantaten-Reihe Gardiners erinnert). Als thematisches Gesamtkunstwerk vermag die Produktion samt Booklet also bereits gut zu gefallen: Die schönen Fotos des leider als softes Digipack recht schadensanfälligen Covers –ein Läufer in der Wüste – und im Booklet dieser Haydn-CD vermitteln bereits gemäldehafte, synästhetisch greifbar vermittelte Allegorien der Einsamkeit. Moritz-Bauer psychologisiert dann aber auch sehr stark, wenn er die Progressivität des jungen bis mittleren Haydn als Kompensation der Abgelegenheit und Einsamkeit in der ‚pannonischen Einöde von Schloss Esterháza‘ erklärt, Ganz glatt funktioniert der Gedankengang seines Essays auch im Folgenden nicht: Durchaus harsch-motorische Rahmensätze (Kompensation per Wut?) stehen den durchaus ‚melancholischen‘ langsamen Mittelsätzen der Symphonien [Hob.I] Nr. 4, Nr. 42 und Nr. 64 gegenüber – und den programmatisch durchaus ja einleuchtenden Zugaben der Petrarca-Vertonung und der Sinfonia (Ouvertüre) zur 'Isola disabitata' mit ihrer krasse Stimmungswechsel nebeneinandersetzenden Abschnittsreihung. Dennoch wirkt das Programmkonzept nicht bemüht, sondern stiftet sicher manchem Hörer, mancher Hörerin einen spannenden zusätzlichen ästhetischen Reiz, eine emotionale Hör-Perspektivierung, welche zur durchaus ungewohnten, provozierenden musikalischen Interpretation passt.

Emotionale Eindringlichkeit als Qualität des Gesamtkonzepts
Im Gegensatz zur Verpackung ist nämlich der musikantische Zugriff keineswegs von Pappe. Antonini dürfte ja geradezu schon aus seinen Barock-Tagen mit Il Giardino Armonico von manchen (deutschen) Kritikern den Tadel übertriebener Knall-Effekte erwarten, den Vorwurf bunter Oberflächlichkeit. Mit nationalen Stereotypen – auch aufführungspraktisch ‚welscher Tand‘ gegenüber teutonischem Dichten als Denken –hat das auf Seiten solcher Kritik durchaus zu tun. Dabei scheint mir allerdings in dieser ‚italienischen‘ Haydn-Aufnahme vieles im Detail viel durchdachter als bei der jüngeren britischen (Hogwood) oder deutsch-transatlantischen Konkurrenz (Weil, Russell Davies, Naxos-Zyklus etc.). Selten habe ich so überzeugende dynamische Kontrast-Stufen und Übergänge gehört, selten so viel Sinn für den Klang eingeworfener Bläser-Sforzati in den stürmischen Kopfsätzen. Da darf auch mal ein Phrasierungsende im Streicherpiano etwas verhuschen, der Hörnereinsatz wiederholt eine Schrecksekunde bewirken.

Bei allen Nationalismen wäre die Punktegenauigkeit des präzisen Spiels und (gewollten) Klangs dann vielleicht sogar eine ‚Schweizer‘ Tugend der ganzen zyklischen Veranstaltung (Il Giardino Armonico hat sie eigentlich immer im Höchstmaß besessen). Man höre nur das Menuett der einleitenden D-Dur-Symphonie (Nr. 42) mit einem Trio, in dem die klein besetzten ersten Violinen höchst gekonnt und geschmackvoll (humorvoll?) mit ihren leisen Trillern in der vibratolosen ‚Einöde‘ flirren. Das ist instrumentale Konversation der Orchesterinstrumente untereinander und mit dem Publikum, an der Haydn gewiss seine Freude gehabt hätte. Der massive gambenartig vibratolose Streichereinstieg zur Insel-Oper – das kling trotzdem schon so expressiv wie Beethovens 'Coriolan' mit Harnoncourt oder Beecham – und der weitere, radikal dramatisierte Vorspann zur Oper beeindrucken zumindest mich in besonderem Maße. So viele schöne, klanglich im besten Sinne originelle Satz-Details machen in dieser Folge Freude (einzig die Sopranistin Francesca Aspromonte singt ihre Einsamkeitsaria doch reichlich Serail-Blondchen-haft und stellenweise etwas flackernd), dass auch schon die Vorfreude auf die vielen weiteren solcher Folgen bis 2032 gewaltig wächst. Quartals-Abo bitte!

Interpretation: 5*
Klangqualität: 5*
Repertoirewert: 4*
Booklet: 4*

Klassik
15 November 2016