Ingrid Fliter - Chopin: Preludes - Fono Forum

Musik: 5 stars
Klang: 5 stars

überzeugend

Angesichts der großen Anzahl an herausragenden Aufnahmen von Chopins Preludes gehört schon viel Mut dazu, sich mit einer Neueinspielung dem diskographischen Erbe zu stellen. Mehr noch: Die Gefahr, angesichts von Giganten eines Cortot, einer Argerich oder eines Pollini in den Abgrund der interpretatorischen Bedeutungslosigkeit zu fallen, ist enorm groß. Umso überraschender, dass die hierzulande wenig bekannte, in Buenos Aires geborene Ingrid Fliter eine so überzeugend eigenständige Einspielung dieser 24 Miniaturen vorlegt, die selbst den Vergleich mit den Referenzaufnahmen nicht zu scheuen braucht. Bereits im letzten Jahr hat die Künstlerin bei dem Label Linn eine fulminante Aufnahme der Chopin-Konzerte vorgelegt, die aufhorchen ließ.

Was an ihrer Darstellung der Preludes fasziniert, ist der wundervolle Aufbau, der mit dem C-Dur-Prelude ganz unspektakulär, fast beiläufig, impressionistisch leicht hingetupft beginnt und mit jedem weiteren Prelude an Intensität zunimmt, so dass jedes neue Prelude wie die natürliche Weiterentwicklung des vorangegangenen erscheint. So schafft sie einen großen Bogen zu spannen und gleichzeitig jedes einzelne Werk als magisches Universum darzustellen: Die schmerzhafte Elegie, die sie aus dem h-Moll-Preludeohne jegliche Sentimentalität klingen lässt, istebenso eindringlich und überzeugend wie das liebevoll-scheue Lächeln, das aus dem nachfolgenden A-Dur-Prelude dringt, um in die sehrende Leidenschaft des fis-Moll-Stücks überzuführen. Hier ist eine genuine Chopin-Interpretin zu erleben, die sowohl in der Detaildarstellung als auch in der Gesamtkonzeption durch ihr gleichermaßen poetisch sensibles wie brillantes Spielbedingungslos überzeugt.

Fono Forum
01 March 2015