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John Passion - Dunedin Consort - Klassik

Interpretation: 4 stars
Klangqualität: 4 stars
Repertoirewert: 4 stars
Booklet: 4 stars

Eingebettete Passion
Bachs Johannespassion in liturgischem Rahmen, mit einiger Frische und großer Expertise geboten von John Butt und seinem Dunedin Consort.

Das schottische Dunedin Consort unter John Butts kundiger Leitung hat nach überaus bemerkenswerten Produktionen der Bachschen h-Moll-Messe und der Matthäuspassion nun eine Johannespassion des großen Thomaskantors vorgelegt, wiederum mit einer besonderen Note versehen: Butt hat die Passion ihrer liturgischen Funktion entsprechend in einen gottesdienstlichen Rahmen eingebettet - ein Verfahren, das aus etlichen Produktionen weit älterer Musik sehr vertraut ist, das für Bachs Passionen jedoch einigen Neuigkeitswert beanspruchen kann. Gemeindechoräle und Orgelvorspiele leiten zur Passion hin, werden eingeschoben und beruhigen das Geschehen am Schluss spürbar. Das wirft ein durchaus interessantes Licht auf das Geschehen der ersten Aufführung im Jahr 1724, steigert die Wirkung der Bachschen Anteile aber nicht deutlich, wenngleich die Übergänge durchaus zwingend gestaltet sind. Neben dem Dunedin Consort sind in dieser musikalisch-gottesdienstlichen Einbettung John Butt als überaus geschmackvoll registrierender Organist an einer für diese Musik hörbar geeigneten, aber nicht näher erwähnten Orgel und der Chapel Choir der University of Glasgow, nochmals erweitert um etliche Amateursänger, zu hören. Dieser große Chor bringt in den einstimmigen Passagen das Flair der singenden Gemeinde ein, ist aber nicht von besonderer Präzision und lässt Schwächen in der Aussprache des Deutschen hören. Die reduzierte Besetzung singt schlichte Motetten der Zeit vor Bach in präsentabler Güte.

Kraftvoller, dramatischer Zugriff

Deutlich im Vordergrund steht bei aller Anbindung an das liturgische Geschehen - man ist davon wenig überrascht - Bachs eminente Passionsvertonung. John Butt verfolgt dabei einen kraftvollen, perkussiv grundierten Ansatz, der das dramatische Potenzial der Vertonung dankbar ausdeutet, darin der 2009 erschienenen Version der Johannespassion von Benôit Haller ähnlich, wenngleich etwas dezenter gehalten. Nicholas Mulroy bringt seine bemerkenswerten Mittel in eine intensiv gestaltete Evangelistenpartie ein. Er verfügt über eine ungemein leicht ansprechende Höhe und offenbart in der wirklich heiklen Partie diesbezüglich keinerlei Schwäche. Immer wieder lassen sich auf der Basis einer vorzüglichen Aussprache bemerkenswert kraftvolle Gesten hören, findet er auch zu wunderbar lyrischen Momenten, dokumentiert er in den gesanglich wenig dankbaren Arien seine technischen Möglichkeiten. Seine stimmliche Disposition ist insgesamt individuell zu nennen: Einige Vokale geraten immer wieder etwas zu kehlig, das ist die vielleicht deutlichste Reserve beim Blick auf die ansonsten vorzüglich Deutung Mulroys.

Matthew Brook setzt mit seinen vertraut großen stimmlichen Mitteln auf durchaus schroffe Gesten mit gelegentlich riskanter stimmlicher Attacke. Sein wirklich viriler Stimmkern ist die Basis einer klaren Disposition seiner Jesus-Partie, die klar und erhaben wirkt, sehr präsent, energisch und noch keinesfalls der Welt entrückt. Arios agiert Brook mit vergleichbarer Überzeugung und Klarheit.

Die gleichfalls aus zahlreichen Produktionen mit Bachschen Werken vertraute Sopranistin Joanne Lunn zeigt sich als stilistisch hochversierte Künstlerin mit einer feinen, sehr tragfähigen Stimme, die ihren beteiligten, exzellent deklamierten Vortrag mit einer wunderbar klaren Höhe zu krönen weiß.

Mit der Altistin Clare Wilkinson begegnet uns eine wichtige Stimme in der Generation der jüngeren Bach-Interpretinnen: Schöne Lyrismen lassen sich hören von einer technisch ausgewogenen Stimme mit sehr präsenten tiefen Registern. Robert Davies agiert als Petrus und Pilatus rollendeckend, mit Gravität und stimmlicher Präsenz, wenngleich mit Mängeln in der Diktion.

John Butt lässt auch die chorischen Anteile von einem Vokalquartett, zu Zeiten ergänzt um vier Ripienisten singen: Das gerät luzide, schlank, gleichwohl bemerkenswert schlagkräftig, präzis und hochexpressiv. Die Turbachöre werden enorm dramatisch und virtuos gefasst, die Choräle entfalten kontemplative Momente. Schon der Eingangschor skizziert den instrumentalen Zugriff: Butt lässt konzentriert und klar, dabei klangvoll und perkussiv agieren, mit hochdramatischer Steigerungsfähigkeit. Es wird dennoch geschmackvoll und detailliert artikuliert, immer wieder lassen sich sehr schöne obligate Soli voller kultivierter Dezenz hören.

Klanglich ist die Disposition klar: Alle Sphären sind sehr präsent, die Staffelung ist überaus gelungen, reich strukturiert und in ausgezeichneter Balance befindlich. Das Booklet bietet seine ausführlichen Texte nur in englischer Sprache, ist aber inhaltlich sehr überzeugend, dazu reich bebildert und mit wunderbaren Caravaggio-Motiven nobel gestaltet.

Diese Johannespassion ist wegen ihrer formalen Einbettung interessant, hat aber vor allem in ihrem interpretatorischen Kern üppige Qualitäten: Die Deutung wirkt sehr dynamisch und kraftvoll, mit einem dramatischen Zug und erfrischender Klarheit. John Butt und sein Dunedin Consort setzen damit die Reihe ihrer gelungenen Bachinterpretationen mit großer Souveränität fort.

Klassik
13 May 2013