Magnificat - Scattered Ashes - musikansich.de

Selbst der ansonsten überaus tolerante Macciavelli vermochte in im radikalen Wirken des Dominikanermöchs Girolamo Savonarola (1452-1498) nur verblendeten religiösen Fundamentalismus zu erkennen. In nur wenigen Jahren war es dem Bußprediger gelungen, die Stadt Florenz in seinen Bann zu ziehen, die mächtigen Medici zu vertreiben und eine Voksregierung zu etablieren. Ein Höhepunkt war gewiss das "Feuer der Eitelkeiten", in dem Savonarola nicht nur 'heidnische Bücher', laszive Kunst, Schmuck und Luxusartikel, sondern Kunst, kostbare Möbel und Kleider in Flammen aufgehen ließ. Mit seinem Streben nach Reinheit und Heiligkeit, das sich an sozialen Misständen und der Korruption der Reichen und Mächtigen entzündete, mischte Savonarola sich schließlich auch in die große (Kirchen)Politik ein und geriet zwischen die Fronten aus Italienern, französischem König und dem Papst. Sein Ende kann nicht überraschen: Er wurde schließlich exkommuniziert, gestürzt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Seine Asche wurde in den Arno gestreut.

Während seiner Zeit im Gefängnis verfasste Savonarola Schriften, die aus dem Kerker geschmuggelt wurden und erhalten blieben. Unter anderem medititerte er über den 50. Psalm, das "Miserere", den wohl berühmtesten der biblischen Klage- und Bußpsalmen. Er schrieb dazu einen ergreifenden Text, dessen Beginn "Infelix ego" - "Ich Unglücklicher" lautet und in dem er seine Schwäche beklagt (unter der Folter war er zu einem Geständnis getrieben worden, das er kurz vor der Hinrichtung aber widerrief, was durch Fälschung der Prozessakten jedoch unterschlagen wurde).

Das englische Ensemble Magnificat hat nun Vertonungen des Infelix Ego sowie des Miserere nebst einiger verwandter Kompositionen, die mit dem Wirken Savonarolas in Verbindung stehen, auf einem Sammelalbum vereint. Dessen Titel Scattered Ashes spielt auf das tragische Ende des Savonarola an, dessen markantes Profil auch das Cover der Aufnahme ziert. Die Musik im reifen Stil der Hoch- und Spätrenaissance lässt wenig von den dramatischen Ereignissen in Florenz ahnen. Allen Werken gemein ist ein klagend-melancholischer Ton, der von den renommierten Komponisten - u. a. Josquin des Prez, Giovanni Pierluigi da Palestrina, Orlando di Lasso oder William Byrd - auf jeweils ganz eigene, meisterliche Weise realisiert wird.

Gelungen ist auch die sensible, klangschöne Interpetation des Ensembles, das mit seinen zehn SängerInnen eine harmonische Mitte zwischen Solistenensemble und Kammerchor präsentiert. Die ebenmäßige Tongebung, die Homogenität und Intonationssicherheit bezeugen den hohen Stand der englischen Chortradition und ihrer mustergültigen, 'reinen' Interpretationen Alter Vokalmusik. Das fein gestaltete An- und Abschwellen der Dynamik und die sorgsamen Klangfarbenmischungen, die Ebenmäßigkeit und Ruhe des Musizierens lassen die Satzkunst im Detail wie im großen Bogen aufleuchten. Auf gewisse Weise hat Savonarola mit dieser Produktion einr Art spätes "Requiem" bekommen - Frieden seiner Asche!

musikansich.de