Robin Ticciati & SCO - Brahms: The Symphonies - BR Klassik

Seit dieser Saison ist Robin Ticciati Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Der charismatische Lockenkopf stammt aus London, hat italienische Wurzeln und wurde gerade 35 Jahre alt. Als Leiter des Scottish Chamber Orchestra hat er Symphonien von Haydn, Berlioz und Schumann eingespielt. Zum Abschluss seiner neunjährigen Ära in Edinburgh ist jetzt eine Doppel-CD mit den vier Symphonien von Johannes Brahms erschienen.

Gleich der Beginn der Ersten Symphonie ist in der Interpretation von Robin Ticciati ein Weckruf: Unerbittlich pochend treibt eine alte Kesselpauke den Klangstrom voran, der hier von schlackenloser Klarheit ist. Denn Ticciati kombiniert die naturgemäß kleinere Streichergruppe, die moderne Instrumente benutzt, mit historischem Blech. Das ergibt bei Brahms ein helleres und transparenteres Klangbild als üblich. Vibrato ist für Ticciati lediglich ein sparsam eingesetztes Stilmittel – der traditionelle Schönklang ist nicht sein Ding.

Organisch phrasierte Entwicklungen

Mit knackiger Artikulation und federnder Rhythmik gelingt Ticciati ein erfrischend lebendiger, geradezu elektrisierender Zugriff auf Altbekanntes. Der für Brahms so typische, warme Holzbläser-Klang kommt in der idyllischen Zweiten Symphonie wunderbar zu Geltung. Auch die kraftvollere Dritte nehmen Ticciati und seine auf ihn eingeschworene Truppe nicht so pompös und heroisch wie sonst oft. Rund und weich federt er den Klang ab, phrasiert Entwicklungen organisch, lässt die Musik frei ausschwingen.

Schlanker Streicherklang

Robin Ticciati atmet mit der Musik. Das gilt besonders für die tiefernste Vierte Symphonie, die Brahms 1885 mit der Meininger Hofkapelle uraufgeführt hat – an deren Besetzungsstärke und Klangbild hat sich Ticciati orientiert. Wo andere Dirigenten in schmerzlichem Pathos baden, erzielt er durch schlanken Streicherklang Momente inniger Wehmut. Seine Vierte wie überhaupt seine Symphonik krönte Brahms mit einer finalen Passacaglia, in der er seine Variationstechnik zur Meisterschaft brachte. Scharfkantig und prägnant meißelt Ticciati die Formkunst von Brahms heraus.

Brahms reloaded

Es hat sich gelohnt, dass Robin Ticciati zwei Wochen Zeit für die Produktion dieser exemplarischen Brahms-Edition investiert hat. Das Ergebnis ist eine unerhört spannende Reise durch den symphonischen Kosmos dieses Komponisten. Wie weggeblasen sind aller Mehltau, alle Patina, gut durchlüftet wirken die Partituren – Brahms reloaded.

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