Robin Ticciati & SCO - Haydn: Symphonies 31, 70 & 101 - RBB Kultur Radio

Joseph Haydn gilt als netter Papa der klassischen Musik, den schon Komponisten im 19. Jahrhunderts nicht mehr wirklich ernst genommen haben und der heute gerne in die Schublade „naiv, hübsch anzuhören, ohne Tiefgang, stört nicht weiter“ abgelegt wird. Eine neue CD des Scottish Chamber Orchestra mit Robin Ticciati am Pult lädt ein, genauer hinzuhören – und Haydn neu zu entdecken. Drei Symphonien aus drei unterschiedlichen Lebensphasen (1765, 1779 und 1794) sind eingespielt, alle in D-Dur, der mit Abstand populärsten Tonart im 18. Jahrhundert. Und sie zeigen sehr schön, wie sich Haydn über Jahrzehnte hinweg mit der Form der Symphonie (wie auch mit der des Streichquartetts) auseinandergesetzt hat, mit ihr gespielt und sie so weiterentwickelt hat. Eine Grundlage, auf der spätere Titanen aufgebaut haben. Überzeugend Nr. 31 beginnt unüberhörbar mit einem Motiv von vier Hörnern, das die vorzüglichen Solisten des Scottish Chamber Orchestra markant-sprotzig, eigenwillig, aber auch jeden Fall fiebrig und lebendig spielen. Sie erinnern an Posthörner. Haydns Werk ist voller solcher Details (wie auch in der „Abschiedssymphonie“ oder der „Symphonie mit dem Paukenschlag“, alles Titel, die nicht von ihm selbst stammen). Man hat sie gerne als „Witz'“ abgetan, tatsächlich sind sie aber eine Einladung, konzentriert hinzuhören. Im Fall der Symphonie Nr. 31 kehren die Hörner nämlich am Ende des Finalsatzes wieder, Haydn experimentiert hier mit zyklischem Formdenken. In der Symphonie Nr. 70 schreibt er für den letzten Satz eine Fuge, die Bach konsequent weiterdenkt, ihn dramatisiert, fast ein Stück Musiktheater ist. Und in der Symphonie Nr. 101 („Die Uhr“), die zu den großen zwölf Londoner Symphonien gehört, unterlegt er den zweiten Satz mit einem 2/4-Rhythmus der Fagotte und Streicher, der deutlich an das Ticken einer Uhr erinnert, tatsächlich aber mehr ist als das: Auf diesem metrischen Grundmuster baut Haydn nämlich eine zweite, völlig unabhängige rhythmische Gestalt des Orchesters auf. Wer genau hinhört, entdeckt viele solcher verblüffenden Details in seinem Werk. Es sind nicht nur die Solisten (neben den Hörnern etwa auch die Flöten), die hier brillieren. Robin Ticciati und das in Edinburgh beheimatete Scottish Chamber Orchestra liefern insgesamt eine überzeugende, ungemein vitale Einspielung, die die Strukturen der Stücke durchleuchtet und „con spirito“ gespielt ist, also geistreich – wie eine der von Haydn am häufigsten geforderten Vortragsbezeichnungen lautet. Der 32-jährige Ticciati war immer sehr junge bei allem, was er tat: mit 15 hat er Dirigieren gelernt, mit 22 gab er sein Scala-Debüt. Seit 2009 steht er dem Scottish Chamber vor – und in Berlin können wir uns ab 2017 auf ihn freuen. Dann wird er Tugan Sokhiev als Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters nachfolgen. Der Vertrag wird heute (12. November) unterzeichnet.

RBB Kultur Radio
12 November 2016