Scottish Opera - HMS Pinafore - Der Neue Merker

Was für eine köstliche britische opera comique. Ich gestehe sofort einmal ein grundsätzliches Faible für französische, spanische und natürlich österreichische Operetten ein. Nun hat LINN dieses vielleicht bekannteste Werk aus der Zauberwerkstatt Sullivan (Musik) und Gilbert (Libretto), live in der Usher Hall anlässlich des Edinburgh International Festivals im August 2015 aufgenommen, auf CD herausgebracht. Das Operettenherz jubelt. Wir hören unter der kundigen musikalischen Leitung von Richard Egarr diese sozial so gar nicht standesgemäße Liebesgeschichte zwischen der Kapitänstochter Josephine (Elizabeth Watts) und dem Matrosen Ralph Rackstraw (Toby Spence) auf hoher See. Sehr zum Missfallen  des Kapitäns Corcorans (Andrew Foster-Williams) natürlich und auch Pech für Sir Joseph Porter (John Mark Ainsley), nicht nur Erster Lord der Admiralität, sondern auch ein glühender Befürworter der Gleichheit aller Menschen (ausgenommen ihn selbst. Was für ein amüsanter Backenstreich musste diese Operette für bestimmte dünkelbesessene Gesellschaftsschichten jenseits des Kanals gewesen sein. Auf jeden Fall brachte es HMS Pinafore nach der Uraufführung 1878 auf 571 Aufführungen in Serie. Eine solche „Pinafore Mania" kennt man heute nur noch von Broadway Shows oder Musicals her, als deren Vorläufer die Operetten von Sullivan gelten können.

Ein Erzähler (Tim Brooke-Taylor) führt durch die Handlung und einzelne Nummern, als da wären Chöre, Songs, Duette, Trios, ein Oktett und zwei Finali. Die Besetzung ist höchst luxuriös, alle Solisten (außer den bereits Genannten noch Hilary Summers als Little Buttercup, Neal Davies als Dick Deadeye, Gavan Ring als Bill Bobstay, Barnaby Rea als Bob Becket und Kitty Whately als Hebe) sind mit aller gebotenen Ironie und gar prächtig bei Stimme zu Werke. Die - ähnlich Offenbach - nicht zuletzt auf Sprachwitz (,damme‘) beruhende Popularität ging so weit, dass Jungen und Mädchen auf der Strasse ganze Textpassagen auswendig konnten. Sehr zum Missfallen der Eltern, die auf einmal die „rauhe Seemansssprache" in den eigenen vier Wänden ertragen mussten. Aber auch jenseits des Atlantik in New York schlug diese Seemannsklamotte ein wie ein Blitz, sodass ganze Tourneen die USA heimsuchten wie Heuschreckenschwärme. Sullivan studierte in Leipzig, war also wie Offenbach mit der dt. Musiktradition besten vertraut. Vielleicht beruht ja der Erfolg gerade darauf, dass burleske Elemente verbunden mit einer Beherrschung formaler Kompositionsprinzipien sowohl das einfache wie das Bildungsbürgertum gleichermaßen anzogen. 

Die Aufführung der Schottischen Oper in Edinburgh ist jedenfalls ein Hit. Natürlich darf auch ein Stück Patriotismus wie in der berühmtem Nummer „For he is an Englishman" nicht fehlen. Wir hoffen trotzdem alle, dass sich die Briten am 23.6. ihrer europäischen Zugehörigkeit erinnern, kulturell wird sie ja gerade in dieser wunderbaren Operette so eindringlich und unernst ohrenfällig. 

Der Neue Merker
04 June 2016