Robin Ticciati - Swedish Radio Symphony Orchestra - Berlioz: L'Enfance du Christ - Fono Forum

Süß und sanft

Wie sich die Zeiten doch ändern. Berlioz' „L'enfance du Christ" war von Anfang an ein Erfolg, was alles andere als selbstverständlich war. Denn jahrelang hatten Kritiker notorisch an seiner Musik herumgemäkelt: zu bizarr, zu dissonant, zu disparat. Nun schien es, als ob Berlioz in fortgeschrittenem Alter sanfter geworden sei. Was dieser aber mit aller Entschiedenheit von sich wies: ,,Nichts wäre unberechtigter als diese Ansicht. Der Stoff verlangt ganz von selbst eine naive, sanfte Vertonung ... Ich hätte ,L'enfance du Christ' vor 20 Jahren genau so geschrieben."

Und heute? Wenn heute etwas bemängelt wird, dann die süße Sanftheit dieser Musik, ihre weichgespülte Klanglichkeit und ihr allzu ebenmäßiger, klassizistischerFluss. Wahrscheinlich liegen hier auch die Gründe, warum das Werk hierzulandenie zu den wirklich populären Weihnachtsmusiken avancierte, wogegen es im CD-Repertoire stets in namhaften Interpretationen präsentiert wurde. Nun bekommen diese junge Konkurrenz: Robin Ticciati, der sich bereits mit zwei Berlioz-Einspielungen mit dem Scottish Chamber Orchestra als versierter Berlioz Interpreteingeführt hat, doppelt nun mit „L'enfance du Christ" nach, eingespielt in Stockholm.

Seine Affinität zu Berlioz ist in jedem Takt spürbar, und Chor und Orchester des Schwedischen Rundfunks exzellieren in klangschöner Tongebung. Die sehr spezifische Mischung aus typisch Berlioz' scher Orchestrierung und einem zum Teil archaischen Tonfall kommt unter Ticciati prima zur Geltung. Auch die Gesangssolisten fügen sich nahtlos ins Konzept ein, ohne allerdings das Verwöhnniveau zu erreichen, mit dem vor allem die Cluytensund die Davis-Aufnahmen prunken.

Fono Forum
01 April 2014