The Avison Ensemble - Corelli: Opus 5 - Klassik

Interpretation: 4 stars
Klangqualität: 5 stars
Repertoirewert: 4 stars

Meilenstein der Violinmusik
Pünktlich zum 300. Geburtstag des Komponisten bietet die vorliegende Einspielung mit der Sonatensammlung op. 5 eine hervorragende Einstimmung auf das reizvolle Schaffen Corellis.

Arcangelo Corellis kompositorischer, eher gemäßigter virtuoser Stil wurde zur Grundlage des modernen Violinstils im 18. und 19. Jahrhundert; viele nachfolgende Violingenerationen setzten sich mit Corelli auseinander. Corellis bekannte Violinsonatensammlung op. 5 erschien 1700 mit einer Widmung an die preußische Kurfürstin Sophie Charlotte von Hannover. Das Werk umfasst sechs Kirchen- und sechs Kammersonaten und erfreute sich bereits zu Lebzeiten des Komponisten weitreichender Beliebtheit und Verbreitung. Corellis OEuvre, insbesondere die Sammlung op. 5., zählte bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zu den meistverlegten Werken der Musikgeschichte.

Auch gegenwärtig finden einige der Sonaten noch relativ häufig Platz in kammermusikalischen Konzertprogrammen, doch verhält es sich hier nicht anders als bei anderen Sonatensammlungen des Barock: Während einige der Sonaten, wie die bekannten ‚Folia‘-Variationen, besonders häufig gespielt werden, treten die meisten anderen Werke der Sammlung weitestgehend in den Hintergrund. 

Eigenständig ergänzte Variationen in der vierten Gavotte der Sonate Nr. 10 in F-Dur durch den Violinisten dieser Aufnahme, Pavlo Beznosiuk, und vier Variationen im abschließenden 'Allegro' der Sonate Nr. 11 in E-Dur durch Matthew Dubourg (1703-1767) bieten eine schöne musikalische Ergänzung in vorliegender Aufnahme.

Die ersten sechs Sonaten sind im da-chiesa-Stil gehalten, lassen sich also auf den Sonatenstil des 17. Jahrhunderts zurückführen. Die Interpretation durch das Avison Ensemble ist von Geschlossenheit und einem sehr gefühlvollen Spiel geprägt. Die angenehme Akustik an St. George's in Chesterton/Cambridge trägt zum klangintensiven Eindruck der Aufnahme bei. Insbesondere den langsamen, verzierungsreichen Sonatensätzen verleiht die gute Akustik die Möglichkeit zu ruhevollem Violinspiel. Die Begleitung im Basso continuo ist stets sehr solide - wechselweise durch den Organisten Roger Hamilton, die Gitarristin (Lautenistin) Paula Chateauneuf und den in allen Sonaten präsenten Cellisten Richard Tunnicliffe. Tunnicliffe und Beznosiuk harmonieren wunderbar miteinander. An nur wenigen Stellen, beispielsweise im abschließenden 'Allegro' der Sonate Nr. 4 in F-Dur, ist das Tempo leider ein wenig zu schnell und dabei die Artikulation zu unpräzise, sodass beide Musiker zur Flüchtigkeit und Tempobeschleunigung neigen.

Besonderes Lob gilt der absolut natürlichen und außerordentlich wirkungsvollen musikalischen Agogik des Ensembles. Ein Beispiel für das gelungene Zusammenspiel und die musikalische Einheit der Spieler ist die ergreifend beseelte Interpretation des Eröffnungs-'Adagios' der Sonate Nr. 5 in g-Moll. Überhaupt darf diese Einspielung Vorbildfunktion für die Historische Aufführungspraxis barocker Kammermusik für sich beanspruchen. Das Ensemble zeigt spürbare musikalische Energie, Spielfreude, Ausdruck und Gefühl bei einem besonders hohen Maß an instrumentaltechnischem Können.

Die vorliegende CD ist die zweite Einspielung im Rahmen des Projekts der Gesamteinspielung von Corellis Kammermusik bei Linn Records und erscheint pünktlich zum 300. Geburtstag des Komponisten. Der Text im Beiheft wurde von Simon D. I. Fleming verfasst und bietet auf knapp acht Seiten eine ungewöhnlich lange Werkeinführung. Wünschenswert wäre allerdings eine Übersetzung des englischen Textes.

Klassik
28 June 2013